Mit Alexander Zorniger unterwegs auf Sachsens Straßen
Montag, 3. September 2012, 22:07 Uhr
Abgelegt unter: Abseits des Platzes, Fanszene, Kommerz- & Medienfußball, Medienschau

Der neue, hoffnungsbeladene Trainer von RB Leipzig zählt Hausnummern

Naivität ist ein charmebefreiter Vorwurf, und von Selbstüberhöhung möchte und darf nur gerne über sich selbst lesen, wer bei Helmut Schmidt eine Zigarette schlaucht und dabei einen Schatten auf Franz Beckenbauer wirft. Nach Informationen dieses Blogs ist Alexander Zorniger, der neue Star auf der Trainerbank von RB Leipzig, vielfach gefeiert als Jahrgangsprimus des vergangenen DFB-Trainerlehrgangs, noch ein paar Heldentaten entfernt von einer Bronzestatue am Werner-Seelenbinder-Glockenturm.

Wobei, der erste Coup des 44 Jahre alten gebürtigen Schwabens für den neuen Arbeitgeber muss in Zeiten überschaubarer Erfolge und hämischer Schlagzeilen doch als entscheidender Fortschritt des Projekts „Bundesliga-Fußball in Leipzig“ gesehen werden. Die Roten Bullen, die weder etwas mit Marx noch mit der Polizei zu tun haben, haben mit einem 3:1 gegen den 1. FC Lok Leipzig glaubwürdig Ansprüche auf die Stadtmeisterschaft angemeldet. Und wenn es auch mit der Bundesliga bis heute noch nichts geworden ist, so muss sich doch wenigstens damit die eine oder andere Dose zusätzlich absetzen lassen.

Kleinmut allerdings zählt wenig in einem Wirtschaftsimperium, dessen Fußballabteilung keine Zeit mit der Sponsorenaquise und der Etatplanung verschwenden muss. Insofern ist es kaum verwunderlich, dass Alexander Zorniger in der taz die Red-Bull-Kultur als alternativlos und die Konkurrenz als chancenlos erklärt.

„Dieses Konzept ist das einzige, das über längere Zeit zukunftsfähig ist“, sagt er. „Bei allem Respekt vor Dresden und Aue. Ich glaube keiner von denen hat das Potenzial eine Hausnummer in der 1. Liga zu werden.“

Womöglich hätte der geschiedene DFB-Sportdirektor und Ex-Dynamo Matthias Sammer sich etwas stärker in die Trainerausbildung des Verbandes einmischen sollen. Vielleicht aber hat Streber Zorniger bei den Prüfungsfragen zur Unterrichtseinheit „Historie: Die Geschichte des DDR-Fußballs“ auch einfach nur aufs Papier des Banknachbarn geillert. Jedenfalls – sei es nun wegen Naivität oder Selbstüberhöhung – zieht Zornigers Urteil über den Fußball in der von Leipzigern gerne neidvoll-verbrämten Landeshauptstadt Zweifel auf sich.

Waren es nicht die Schwarz-Gelben, die es trotz des „Dynamo“ im Namen zum populärsten Verein im durchregierten DDR-Fußball gebracht haben? Waren es nicht die Dynamos, die das modernisierte Zentralstadion mehrmals mit einer fünfstelligen Zahl an Fans zu füllen wussten, obwohl es stets nur gegen einen unterklassigen Leipziger Gegner ging? Das Dynamo-Land beginnt nur wenige Kilometer östlich von Probstheida, so scheint es, und endet keinesfalls in Cottbus, wo man trotz anderthalb Jahrzehnten des real existierenden Profifußballs gerne Schwarz-Gelb am Rückspiegel oder auf der Hutablage spazieren fährt.

Sofern ein Verein aus dem Dunstkreis von RB Leipzig eine hohe Hausnummer in der 1. Liga abgebe könnte, dann wäre das unweigerlich Dynamo als ein Verein, hinter dem wahrlich und bei aller Irrationalität eine ganze Region steht. Ein Verein, den eine Aura umgibt, dessen Popularität allein für einen internationalen Wettbewerb qualifizieren könnte. Von Grün-Weiß nach Rot scheint es kein weiter Weg, und auch wer gestern noch für Blau-Gelb jubelte oder prügelte, mag bald ein Roter Bulle sein. Ein Schwarz-Gelber aber, und das ist freilich keine Frage der Farbenlehre, wird wohl immer ein Dynamo bleiben.










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7 Kommentare bisher
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  1. Gravatar of Hansi
    Kommentar von
    03.09.2012 um 22:27
    1

    Du sagst es: Es WAREN die Schwarz-Gelben, es WAREN die Dynamos, es WÄRE unweigerlich Schwarz-Gelb. Präteritum und Konjunktiv. Dem gegenüber der auf die Zukunft ausgerichtete Pragmatismus des Zornigers.

    BTW: Mir wären die »traditionslosen« Bullen lieber in der Bundesliga, als die Prügelbrigaden aus der Landeshauptstadt, auch wenn das die »guten« Fans mitbeträfe.


  1. Gravatar of Zola Jesus
    Kommentar von
    Zola Jesus
    05.09.2012 um 12:59
    2

    @Hansi: Weil Prügelbrigaden in der zweiten Liga nicht so schlimm sind wie in der ersten, oder wie? 


  1. Gravatar of Dynamo von 1953
    Kommentar von
    Dynamo von 1953
    06.09.2012 um 23:36
    3

    @ Hansi
     
    Die „Roten Bullen“ müssen erstmal in die dritte Liga bevor man über die Zukunft sprechen kann. Und dein Klischeedenken geht mir auf die Eier.. Wahrscheinlich hast du deine Informationen vom MDR oder von Sky wo Dynamo sowieso als Hassobjekt dient. Dynamo ist mehr als ein Verein, Dynamo ist für viele eine Religion und purer Lebensinhalt und ich wäre an deiner Stelle vorsichtig mit solchen undurchdachten Aussagen. Ich hätte anstelle des Marketingprojekts aus Österreich einen Traditionsverein wie Dynamo in der 1.Bundesliga, dessen Fans das Stadion zum kochen bringen und „Prügelknaben“ gibt es in fast jedem Verein, aber da du ja lieber auf MDR und andere staatlich gelenkte Gossenjournalisten hörst , die Geld dafür bekommen um Dinge in den Dreck zu ziehen, was über Jahre hinweg aufgebaut wurde, kannst du einem nur leid tun. Geh am besten zu Red Bull und schau dir an wie Tradition und Herz Stück für Stück zerstört wird.


  1. Gravatar of Uwe
    Kommentar von
    Uwe
    07.09.2012 um 10:01
    4

    Ein feiner Beitrag!!

    &Hansi, Dir empfehle ich mal einen Besuch im Dynamo Stadion


  1. Gravatar of Steffen
    Kommentar von
    Steffen
    07.09.2012 um 11:45
    5

    Wunderbar geschrieben! Danke dafür! Grüße von einem Schwarz-Gelben seit 1981 an den Grün-Weißen nach Leutzsch!


  1. Gravatar of silvio
    Kommentar von
    silvio
    17.09.2012 um 22:41
    6

    Danke, toll geschrieben !!! Nicht alle sehen so über den Horizont wie Du. Fußballtradition kann man nicht kaufen, die erspielt man sich über Jahrzehnte, sowie Chemie, Lok und auch Dynamo.
    @Hansi, nicht es wären und es waren, sondern es sind die Schwarz-Gelben…die trotz aller Rückschläge, ohne der riesen Kohle, aber mit riesen Fangemeinde auch schwere Zeiten überstanden haben. So werden es hoffendlich auch die „Leipziger“ Fußballmannschaften schaffen.
    Mit sportlichen Grüßen aus Dresden 


  1. Gravatar of Derangiere
    Kommentar von
    Derangiere
    01.10.2012 um 20:24
    7

    Hat mal jemand von „Fans“ die gebrochenen Nasen, die demolierten Autos, den verprügelten „Gegner gesehen?
    Wenn ja, dann zeigt diese Bilder Euren Kindern und sagt Ihnen, dass Papi nur Fussball gucken will und die schlechte Presse und die Polizei an allen dran schuld sei. Ich biege mich vor lachen wir ihr „Fans“ alles im Griff habt. Die Hools, die Rechten, die Feuerteufel… Ihr wollt was erleben? Dann meldet Euch freiwillig beim Bund, die wissen wo noch Action ist. Tradition, welche die vom Polizeiverein Dynamo, vom Russen am Leben gehaltene Wismut?
    Wer redet von den Rassisten bei Dynamo? Ach, aktuell gibt es sicherlich keine. Wie auch?
    Dann träumt mal weiter von Eurer heilen Welt. Mich kotzt Euer Selbstmitleid an!




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