Müssen wir jetzt ganz neu über Sportjournalismus nachdenken?
Mittwoch, 16. Mai 2012, 0:28 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 16. Mai 2012, 20:28 Uhr
Abgelegt unter: Abseits des Platzes, Fanszene, Gewalt & Rassismus, Kommerz- & Medienfußball

Von einem kuriosen Platzsturm, der von nichts als Emotionen zeugt, und der ARD, die damit nicht umzugehen weiß

Nur noch ein paar Sekunden, dann ist Schluss. Fortuna Düsseldorf steht vor der Rückkehr in die Bundesliga, zum ersten Mal seit Jahren. Fortuna-Stürmer Ranislav Jovanovic vergibt die Großchance zum alles entscheidenden Tor. Doch das 2:2 im Relegationsrückspiel gegen Hertha BSC reicht nach dem Sieg im Berliner Olympiastadion ohnehin. Für die Fans der Fortuna, zumindest für viele von ihnen, gibt es kein Halten mehr. Sie stürmen auf den Platz, obwohl der Schiedsrichter noch gar nicht abgepfiffen hat. Euphorie pur. Eines besseren Beweis bedarf es kaum, dass Fußball mit Emotionen ebenso untrennbar verbunden ist wie das Christentum mit der Bibel.

Der verfrühte Platzsturm – eine einzige Dummheit, wohl allein aus jener spezifischen Konstellation heraus zu erklären, die Gustave Le Bon die Psychologie der Massen nennt. Das alles sacken lassen, die Bilder verarbeiten, die Geschehnisse reflektieren – zu den heißen Fanherzen hätten kühle Journalistenköpfe ganz gut gepasst. Aber Tom Bartels, Reinhold Beckmann & die übrige ARD-Co. verloren sich in Betroffenheitsjournalismus. Distanzlos und nur oberflächlich kritisch, boulevardesk wie populistisch. Ein vergebener Elfer ohne Torwart.

Verloren im Betroffenheitsjournalismus

Ob wir jetzt „ganz neu“ über „Sicherheit“ nachdenken müssten, fragte der überforderte Beckmann seine konsternierten Gesprächspartner Mehmet Scholl und Hellmut Krug unmittelbar nach dem Abpfiff. Welche Antwort er wohl erwartet hatte? Es war nicht er einzige Satz, der einen Sinn vermissen ließ. „Bevor das Spiel nicht abgepfiffen ist“, wusste Kommentator Bartels ein paar Minuten früher, „ist Fortuna nicht aufgestiegen.“ Ohnehin war es nicht Bartels‘ Tag, unfreiwillig komisch stolperte sich der ansonsten wohl beste ARD-Kommentator durch die 97 Minuten Fußballdrama. Gelb für Änis Ben-Hatira, hatte er halbaufgeregt festgestellt, um bei Wolfgang Starks Griff zur hinteren Hosentasche überrascht und mit gehobener Stimme vom Platzverweis zu reden – dass es die zweite Gelbe für den Herthaner war, hatte Bartels erst gemerkt, als Stark Rot zeigte.

Fernsehjournalisten dürfen mehr leisten als Bilder zu verurteilen

Zugegeben, Fußballkommentatoren müssen nichts mehr fürchten als eine Spielunterbrechung. Als Mitte der zweiten Halbzeit Unmengen an Pyro aus dem Hertha-Block aufs Spielfeld fliegt, verliert sich Bartels in endlosen Wiederholungen, wie schlimm das doch sei. Bartels mag Recht haben, langweilig war es trotzdem für die Zuschauer. Fernsehjournalisten, zumal beschäftigt bei öffentlich-rechtlichen Sendern, dürfen mehr leisten, als die Bilder, die über die Fernsehschirme flimmern, zu verurteilen. So bedienen sie allenfalls populistische Vorurteile, die die Bierbäuche auf den heimischen Sofas nach dem dritten Pils ins „Idioten“-Lamento einstimmen lassen.

So unverständlich das Verhalten der Fortuna-Anhänger auch gewesen sein mag, eines darf man nicht vergessen: Sie wollten – anders als die Hertha-Fans Minuten zuvor – das Spiel nicht stören, dahinter stand kein Plan, keine bewusste Sabotage. Es waren ausschließlich Emotionen. Der Respekt gilt jedenfalls den Hertha-Spielern, die sich – wenn auch spät – zurück aufs Spielfeld trauten und ihrem sportlichen Schicksal ergaben.

Die Relegation lügt nicht, wenn die Drittletzten der 1. und 2. Bundesliga mit den Dritten jeweils eine Etage tiefer die Spielklasse tauschen. Bereits am Tag zuvor hat sich Jahn Regensburg gegen den Karlsruher SC durchgesetzt, auch bei diesem Relegationsspiel kam es zu Tumulten und Ausschreitungen. Die Relegation, das von der Deutschen Fußball Liga (DFL) erdachte Spannungsmoment und Marketinginstrument, dient den Fans als ultimatives Frustventil. Das sollte zumindest nachdenklich stimmen.










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8 Kommentare bisher
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  1. Gravatar of seilinho
    Kommentar von
    seilinho
    16.05.2012 um 8:50
    1

    Ich stimme dem Artikel in weiten Teilen zu, muss aber eines feststellen: Auch wenn die Fortuna Fans das Spiel nicht geplant stören wollten, so bleibt doch eins. Es ist enorm unsportlich. Die Hertha war in der Schlussphase gut, wenn nicht besser und hat auch ein Tor gemacht. Hätten Sie ein weiteres geschossen wäre es nichts geworden für Düsseldorf.
    Und nun folgende Hypothese: Die Hertha schießt noch ein Tor, nach dem das Spiel unterbrochen wurde. Der Laden dort wäre explodiert. Und die „friedlichen“ Fortuna Fans wären wohl nicht mehr ganz so friedlich gewesen. Das wiederum bedeutet eine enorme Gefahr für das Leben der Spieler und hier kann auch keiner mehr für die Sicherheit garantieren. Ich finde die Ungeduld der Fans (auch wenn Sie es nicht Böse meinen) muss bestraft werden.
    Ich glaube jedoch, da wird es kein Nachspiel geben. So bleibt am Ende des Tages eines: Der Aufstieg hat einen ganz faden Beigeschmack. Und da brauchen die Fortuna Anhänger nicht mit dem Finger auf den Anhang der Herthaner zu zeigen, sondern sollten mal vor Ihrer eigenen Türe kehren.
     


  1. Gravatar of Sven Väth
    Kommentar von
    Sven Väth
    16.05.2012 um 10:26
    2

    Die Berichterstattung der ARD im heutigen Morgenmagazin war noch viel erschreckender als die Kommentare im Spiel: „Fan-Ausschreitungen und Randale“ so der Tenor. Meiner Meinung nach, dass gleiche Niveau wie das der Kommentatoren am Vorabend. Ich erinnere noch an den Kalauer von Bartels: „Heute zählt nur das Ergebnis“!  … wie schlecht.
     
     


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  1. Gravatar of FCBAYERN
    Kommentar von
    FCBAYERN
    17.05.2012 um 1:33
    5

    @seilinho
    bitte bendenken: hertha fans fackeln den eigenen block, das spielfeld sowie die fortunafanböcke in der nähe mit raketen und bengalos ab. beim 2:1 für fortuna düsseldorf. daraufhin unterbricht stark die partie und lässt hinterher 7 min nachspielen. somit wurde auch die fortuna in diesem moment in ihrem spielfluss gestört und hätte das 3:1 womöglich machen können…….


  1. Gravatar of Schande von Düsseldorf? Die wahre Schande sind die Medien… | Sportsaal
    6

    [...] Chemieblogger: Müssen wir jetzt neu über Sportjournalismus nachdenken? [...]


  1. Gravatar of randleipziger
    Kommentar von
    randleipziger
    20.05.2012 um 19:39
    7

    Ja, vielleicht muß man über Sportjournalismus nachdenken – vielleicht auch nicht.
    Ganz bestimmt nachdenken muß man über die unheilvolle Rolle der Verharmloser, Schönredner und Ursache/Wirkung – Verwechsler und deren mögliche Folgen.
    Was hier und da tatsächlich geschieht:
    http://torfabrik.de/querpass/a.....hunde.html


  1. Gravatar of BUFC
    Kommentar von
    06.06.2012 um 23:26
    8

    Sauber reflektiert. Vor allem hat dazu Trainer Baade mal ganz fein aufgetürmt, was so alles an gefühlten Vulkanen bereits in die Geschichte einging. Wenn die Medien-Deppen dann heute ejakulieren das ein gewisses Maß voll wäre und nun harte Entscheidungen fällig sind … dann fällt der Cowboy glatt von der störrischen Kuh und wundert sich über die Schockstarre des Publikums.

    Das größte Souverän dieses emotionalen Dinners war der Schiedsrichter … klüger wie der Nagel in der Zaunslatte. War begeistert. Summiert man alle Vorkommnisse dieses Abends, dann sollten die Verantwortlichen aus Berlin einfach mal ins Schnitzel beißen und sich am Geschmack erfreuen.

    Salut.
     




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