Nachdenken – anlässlich der „Aktion Libero“
Mittwoch, 16. November 2011, 12:43 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Freitag, 18. November 2011, 20:12 Uhr
Abgelegt unter: Abseits des Platzes, Fanszene, FC Sachsen Leipzig, Fußball & Politik, Gewalt & Rassismus, Vereinspolitik

„Beim FC Sachsen ist der Fußball noch ‚homofrei‘“, hieß es hier vor wenigen Monaten. Der FC Sachsen ist längst Geschichte, Homophobie hingegen noch lange nicht. Heute ist die Aktion Libero gestartet. Weil es im Fußball Fans und Verantwortliche gibt, für die Schwule einfach nicht dazu gehören – wie auch alles andere, das anders ist.

Identifikation bedeutet Exklusion

Die Fankurve ist so ein enger Ort. Über allem steht der Erfolg. Der Erfolg des eigenen Teams. Das schweißt zusammen. Die Kurve, die letzte Bastion kollektiver Glaubensbekenntnisse? Das Fußballstadion als ein Ort, an dem nicht nur die Ekstase ihre Heimat findet, sondern auch der Verstand äußerst flüchtig ist? Rational, soviel ist sicher, ist das alles nicht mit dem Fansein. Die Identifikation mit dem Verein, die Anonymität der Masse, die permanente Rebellion, die in der Handlungsarena Fankurve angelegt ist – was die eigene Einheit stärkt, führt zwangsläufig zu Exklusion.

Das Andere – die Fans der Gegner, der Schiedsrichter, der Bonze in der VIP-Loge, der gegnerische Spieler mit den langen Loden – wird zum Adressaten von Distanz und Schmähung. Was aus der engen Perspektive der Kurve auffällt, was nonkonform ist, was fremd wirkt, steht in der ständigen Gefahr, verachtet zu werden. Der Fokus auf die Ausgrenzung des tatsächlich oder vermeintlich Schwachen spiegelt sich im Vokabular der Schmähungen wider, das zwischen Jude, Penner, Hurensohn und Schwuchtel oszilliert.

„Fußball ist alles, auch …“

Frauen und Schwarze etwa, sie eint ein exotisches Moment: Sie gehören nach wie vor nicht zum Mainstream auf und neben dem Platz – bis heute, insbesondere in den Amateurligen abseits des Flutlichts der Bundesligastadien. Trotz gefeierter Sommermärchen. Trotz aller Bemühungen etwa des Deutschen Fußball-Bunds und insbesondere Theo Zwanzigers, Frauenfußball zu normalisieren. Fußball ist alles, auch schwul, heißt es oftmals mantrahaft. Aber wir lechzen weiterhin nach dem ersten schwulen Profifußballer.

Homophobie ist nur eine Form der Diskriminierung, des Menschenhasses. Neun rassistische Morde, vielleicht sogar mehr, hat eine braune Terrorzelle, über 13 Jahre unentdeckt, begangen. Die Republik „schämt“ sich über ihren „Nationalsozialistischen Untergrund“. Und verdrängt den Blick an die Oberfläche, reflektiert ihren eigenen Rassismus nicht, der in der Rede von den „Dönermorden“ und in der leichtfertigen wie vorschnellen Unterstellung mafiöser Hintergründe mitschwingt. Der braune Terror findet seinen Nährboden in der Gesellschaft. Unten wie oben.

Das Problem heißt „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“

Horst Seehofer (CSU) will bis „zur letzten Patrone“ gegen Zuwanderung kämpfen. Kristina Schröder (CDU) halluziniert von einer „Deutschenfeindlichkeit“, streicht Programme gegen Neonazis und stellt antifaschistische Initiativen unter den Generalverdacht der Demokratiefeindlichkeit. Und Thilo Sarrazin (SPD), mit einem „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ kokettierend, findet mit seinen biologistisch-rassistischen „Thesen“ Anklang in der „Mitte der Gesellschaft“.

Der Rechtspopulismus ist nichts anderes als das nette Gesicht des Neonazismus. 8,2 Prozent der Deutschen weisen ein geschlossen rechtsextremes Weltbild auf, ein Viertel ist ausländerfeindlich, wie eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung belegt. Bis zur neonazistischen Tat ist es gewiss ein weiter Weg, viele Möglichkeiten zum Abbiegen gibt es dennoch nicht.

Ob Rassismus, Sexismus, Antisemtismus oder Homophobie – die Wissenschaft nennt das Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Das Problem besteht unabhängig davon, ob sich diese Einstellungen politisch artikulieren, wie im Fall der braunen Terrorzelle, oder einfach nur messbar vorhanden sind: Denn mit Freiheit und Gleichheit, Toleranz und Rationalität hat das alles nichts zu tun. Mit Demokratie sowieso nicht.

Führt das zu weit? Keineswegs.

Der Fußball ist kein von der Gesellschaft losgelöstes System, sondern deren Teilaspekt. Latente neonazistische Einstellungsmuster und manifester Neonazismus sind eben kein exklusives Problem des Fußballs. Aber der Fußball selbst wird zum Problem, wenn er die eigene Mitverantwortung von sich schiebt. Insofern ist die „Aktion Libero“ ein wichtiger Baustein, um Homophobie im Fußball stärker in den Fokus zu rücken und zu problematisieren – ohne den Blick auf das allgemeine Phänomen und dessen politischer Artikulation, Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und Neonazismus, zu vernachlässigen. Hier bedarf es nicht nur des Denkens, Redens und Schreibens, sondern auch des Handelns.










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13 Kommentare bisher
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  1. Gravatar of sure, not
    Kommentar von
    sure, not
    16.11.2011 um 15:59
    1

    Wiedermal guter Artikel über eine akute Problematik- Daumen hoch !
    Ich finde es ja bezeichnend- dass der Begriff „Braune Armee Fraktion“ herumgeistert-


  1. Gravatar of Lesereise Aktion Libero | freitagsspiel
    2

    [...] @Chemieblogger über­schreibt sei­nen Text mit »Nach­den­ken«, und auch ich werde das noch gründ­li­cher tun müs­sen: Iden­ti­fi­ka­tion bedeu­tet [...]


  1. Gravatar of tee
    Kommentar von
    21.11.2011 um 20:49
    3

    in solidarisch-kritischer manier möchte ich anmerken, dass der wichtigste grundbaustein der homophobie, die identifikation als „schwule“ oder „lesbische“ person in abgrenzung zur normalität, wieder einmal bestätigt wird. meines erachtens gilt es, die trennung zwischen „normalem“ und „abnormalem“ (sexual)verhalten aufzuheben, statt weiter zu zementieren. 
    die in den letzten jahrzehnten erkämpfte „toleranz“ (mich schauert’s bei dem gedanken, etwas tolerieren zu müssen, was überhaupt kein wort wert sein sollte) gegenüber schwulen und lesben hat die hetersexuelle vorstellung von sexueller normalität weiter gefestigt, während homophobie nachwievor mehrheitsmeinung ist. diese liberale homophobie („ich hab‘ nichts gegen schwule, meine besten freunde … (aber wenn mich einer anmacht, gibt’s auf’s maul!)“) führte zu weniger homosexuellen kontakten unter jugendlichen, dafür aber zu mehr angst, als schwul zu gelten. diese eindeutige identifikation als abnormale sexuelle polung sorgt neben einigen anderen punkten dafür, dass „schwuchtel“ als schimpf- oder „schwul“ als fluchwort hochkonjunktur haben und sich überhaupt erst das maul über die sexuelle präferenz von profifussballern zerrissen wird.
    ich sehe (ebenso wie rhizom hier) die identitätskonstrukte als DAS problem, ohne dessen lösung wir der homophobie nur hinterher rennen.
     
    aber wie gesagt – zerreden will ich die aktion beileibe nicht. nur was anmerken.
     


  1. Gravatar of tee
    Kommentar von
    21.11.2011 um 20:51
    4

    ps: kannst du die links fixen, bitte? ich dachte, bei wordpress geht das generell …


  1. Gravatar of Bastian (Chemieblogger)
    Kommentar von
    21.11.2011 um 22:35
    5

    Getan.

    Wichtiger Beitrag: Ich gebe dir Recht.

    Das Ziel ist es, als anormales etikettiertes Verhalten zu normalisieren. Und das bedeutet zwangsläufig, dass es eben nichts Besonderes mehr ist, homosexuell zu sein. Das ist ein Idealzustand, auf den hier gezielt wird, der sehr, sehr weit entfernt ist.

    Ein wichtiger Schritt dorthin ist sicherlich die Erkenntnis, dass das Andere eben nicht mehr als Problem wahrgenommen wird. Hier sind wir an der selben Stelle, wie etwa bei der Diskussion um Frauenquoten in Politik und Wirtschaft: Die Diagnose ist dieselbe. Das, was anormal ist, wird mit besonderem Fokus gefördert. Eine Gratwanderung. Es ist nur ein Weg, an dessen Ende ein idealisiertes Ziel steht. Mal sehen.


  1. Gravatar of tee
    Kommentar von
    23.11.2011 um 15:45
    6

    nun ja, „homosexuell zu sein“ ist schon die gesellschaftlich konstruierte identität. dieses „sein“ gibt es nicht, nur homo- und heterosexuelle handlungen. (die aber keine sexuelle identität determinieren)
    leider sehe ich genau diese wesenszuschreibung auf dem aktion-libero-bild. ein mensch jedoch ist nicht objektiv schwul, wie ein ball rund oder das gras grün ist. diese sichtweise bringt m.e. schon das problem, nicht erst die einstufung in normal und abnormal. denn wenn eine wesentliche trennung da ist, wird immer die mehrheit als normalität und deviante formen als abnormal gelten.


  1. Gravatar of tee
    Kommentar von
    23.11.2011 um 16:00
    7

    Ob jemand schwul  ist, oder rund, oder grün, das darf keine Rolle spielen.

    dass jemand zum schwulen gemacht wird (oder sich selbst macht, leider haben viele die homophoben identitätsmuster internalisiert), nur weil er sex mit einem mann hat, ist das problem. denn es darf keine rolle spielen, ob jemand gleichgeschlechtlichen sex mag. für alle, für die daraus aber automatisch „schwul“ wird, scheint es eine rolle zu spielen.
     
     


  1. Gravatar of Bastian (Chemieblogger)
    Kommentar von
    23.11.2011 um 18:46
    8

    Ja, aber das betrifft doch letztendlich jede Kategorisierung, aus dieser Perspektive ist jegliche Identitätszuschreibung hoch problematisch. Das kann man so sehen – aber ist dann natürlich nur noch sehr schwer greifbar.


  1. Gravatar of schreibenfuerdiewelt
    Kommentar von
    25.11.2011 um 1:48
    9

    Dem Beitrag und den Kommentaren stimme ich weitgehend zu.
    Die Trennung zwischen homo-, hetero- und sonstwelcher Sexualität muss in letzter Konsequenz aufgehoben werden. Der Zwang zum (endgültigen) Bekenntnis zur Homo- oder Heterosexualität muss letztlich überwunden werden. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg.
    Und bis es soweit ist, finde ich es notwendig, Verhalten, das nicht der Norm entspricht, zu betonen – und zwar im positiven Sinne, nicht als „der ist anders“ sondern „der macht es (auch) anders und das ist auch in Ordnung“. Denn dadurch wird gezeigt, dass von der Normalität abgewichen werden kann. Ein prominenter schwuler Profifußballer, der sich zur Homosexualität offensiv bekennt, würde ein Vorbild sein für andere, die ihre Sexualität bisher mit allen Mitteln verbargen – aus Angst vor unvorhersehbaren Folgen. Na klar, er würde auch erstmal in diese Kategorisierung springen. Die kann aber nicht abgeschafft werden, solange es gar keine andere Kategorie gibt und keinerlei Abweichung möglich scheint. Wenn da aber nun jemand ist, der zeigt, dass es geht und gar nicht schlimm ist, zur eigenen (fremden) Sexualität zu stehen oder sie zumindest nicht zu verleugnen, dann wagen auch andere den Schritt. Wenn die Homosexualität irgendwann auch zur Normalität gehört, dann ist es möglich diesen Zustand zu überwinden. Bis dahin aber ist jedes Bekenntnis zur Abweichung bemerkenswert.
    Anders argumentiert: Worte wie schwul, Schwuchtel usw. werden oft unkritisch benutzt, denn es stört ja keinen, ist ja vermeintlich keiner schwul. Wenn es dann das Outing gibt, und sich jemand als schwul bekennt, wenn der fremdartige plötzlich ganz greifbar ist, erst dann wird die Wortwahl überdacht. Diese Greifbarkeit ist effektiver als die Moralpredigt, man dürfe nicht schwul sagen denn es könnte ja jemand tatsächlich schwul sein. 


  1. Gravatar of tee
    Kommentar von
    28.11.2011 um 0:25
    10

    nicht jede kategorisierung ist eine wesenszuschreibung. bei solchen allerdings ist es tatsächlich hoch problematisch.


  1. Gravatar of tee
    Kommentar von
    28.11.2011 um 0:27
    11

    „Denn dadurch wird gezeigt, dass von der Normalität abgewichen werden kann.“
     
    tja, es stellt nur leider die norm nicht in frage. im gegenteil – meist wird die norm durch die offensichtliche abgrenzung als „anders“ ja noch bestätigt. DAS ist das problem.


  1. Gravatar of seb
    Kommentar von
    seb
    28.11.2011 um 13:30
    12

    Hallo, ich finde den Artikel gut und die Diskussion spannend. Die Kommentare von tee haben mich auf folgenden Gedanken gebracht: Den Begriff Normalität damit auch normal, etc. in Verbindung mit Heterosexualität zu verwenden funktioniert nicht. Denn dadurch schafft man gerade wieder eine Abgrenzung anderer Formen von Sexualität. Sowohl gleichgeschlechtliche als auch Bisexualität sind ebenfalls normal, solange alle Beteiligten freiwillig handeln. Abnormal wird es erst da, wo es sich um strafbare Handlungen wie Kindesmissbrauch dreht. Der Unterschied ist wohl die Häufigkeit des des Auslebens in der Gesellschaft. Das kann aber nicht der Maßstab sein.
    Denn dann wäre man auch als Atheist, Moslem und Jude in Deutschland abnormal. Das sind nämlich laut Statistiken auch Minderheiten. Wir sind uns hoffentlich einig, dass ein solches Denken nicht mit einer Demokratie vereinbar ist.
    seb
     


  1. Gravatar of tee
    Kommentar von
    28.11.2011 um 19:27
    13

    antisemitismus, homophobie, sexismus und islamophobie sind alltäglich in der brd. ich fürchte also, diskriminierende denkweisen sind absolut mit einer (nationalen) demokratie vereinbar, wenn nicht gar systemimmanent.
     




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