Wenn die Medien randalieren
Donnerstag, 27. Oktober 2011, 14:21 Uhr
Abgelegt unter: Abseits des Platzes, BSG Chemie Leipzig, Fanszene, Fußball & Politik, Gewalt & Rassismus, Medienschau

Der Sportjournalismus ist tot, weil unkritisch. Das zeigt die unreflektierte Mediendebatte über Fußballrandale und Pyrotechnik. Die Fans müssen sich besser organisieren

„Das hat das friedliche Radebeul noch nicht erlebt“, schrieb die Sächsische Zeitung vor dem Gastspiel der BSG Chemie Leipzig beim Radebeuler BC am vergangenen Wochenende. „300 vermummte Hooligans“ aus Leipzig würden erwartet. Wer einen Schal von Dynamo Dresden trage, werde mindestens abgezogen, vielleicht aber auch sterben, wird zwischen den Zeilen suggeriert. Schlechter Sportjournalismus, der sich auf eine problematische Quelle stützt, nämlich die Polizei, ist kein exklusives Problem der sächsischen Provinz (Und nein, das geschmacklose Anbiedern in der Berichterstattung der Sächsischen Zeitung nach dem Spiel macht die Sache keinesfalls besser, sondern erhärtet nur den Vorwurf.). Geht es um Fußballfans, dann weiß die Polizei am besten Bescheid. Wer hat randaliert, Beamte beschimpft oder angegriffen – die Polizei gibt mit bürokratischer Gründlichkeit Auskunft, ist ein dankbarer Ansprechpartner für die Medien. Die Informationen sind leicht zugänglich und müssten nicht überprüft werden, so die Devise vieler Redaktionen. Das Problem: Die Polizei ist Quelle und Akteurin zugleich.

Poschmann sieht nur dumpfe Gesichter

Orts- und Szenenwechsel, Dortmund. Über 10 000 Fans von Dynamo Dresden sind anlässlich des DFB-Pokalspiels bei Borussia Dortmund in den Pott gereist. Einige benehmen sich daneben, randalieren, beschädigen das Stadioninnere, rauben Fanshops aus und zünden Pyrotechnik. Das Spiel muss deshalb später angepfiffen und mehrmals unterbrochen werden. Beim ZDF sitzen die Zuschauer in der ersten Reihe. Kommentator Wolf-Dieter Poschmann wird nicht müde zu erwähnen, wie schrecklich und verachtenswert er das doch alles finde. „Dumpfe Gesichter“, sprudelt es beim Anblick der Dynamo-Fans aus ihm heraus. Poschmann schwingt die Moralkeule. So etwas wollen wir nicht sehen, das hat mit Fußball nichts zu tun, diese Chaoten und Idioten, diese sogenannten Fußballfans – gegen Poschmanns Parolen wirkt Helmut Schmidt wie ein bescheidener Selbstzweifler.

Egal, ob sich Medien einseitig auf Polizeiberichte stützen oder das Abgebildete trivial in Worte fassen: Für Leser und Zuschauer bringt das keinen Mehrwert. Wo bleiben Einordnung und Interpretation dessen, worüber berichtet wird? Wo ist die kritische Distanz nicht nur gegenüber den Antihelden der Berichterstattung, sondern vor allem auch gegenüber den Zweit- und Drittquellen? Wo bleibt die Einordnung in den Zusammenhang, wo bleiben Abstraktion und Problematisierung fernab moralisierender Platitüden? Medien haben nicht nur den Anspruch, darüber zu berichten, was ist, sondern müssen auch hinterfragen, einordnen, analysieren und kommentieren.

Es dominiert die Perspektive von Polizei und Ordnungspolitik

Die große Mehrheit der Sportjournalisten wird dem jedoch nicht gerecht. Ob Agentur- oder Zeitungsberichte, fast ausschließlich dominiert die Perspektive von Polizei und Ordnungspolitik. Es fehlt an Reflexionsvermögen, einem dezidierten Selbstverständnis und wohl auch an intellektueller Kapazität. Viele Sportjournalisten denken nur bis zur 90. Minute und haben nicht mehr als „Eins zu null“ zu sagen. Dabei bietet gerade der von Journalistenkollegen oft belächelte Sport viel Potenzial – etwa auch für gesellschaftliche Debatten. Fußball ist ein mächtiges Medium, Fankulturen bieten eine Folie für die Erkenntnis des Ist-Zustands der Gesellschaft.

Wenn Dynamo-Fans zündeln und randalieren, dann ist das nicht nur Ausdruck eines fragwürdigen Revierverhaltens, sondern vor allem auch eine diffuse Form des Protests: keiner weiß wogegen genau, sicher ist nur, dass die penetrante Distanzierung der Öffentlichkeit von Fußballausschreitungen jenes Verhalen geradezu heraufbeschwört. Die Dynamo-Fans, die Stress suchen, kokettieren mit ihrem Ruf als Menschenfresser. Das Bewusstsein, gehasst oder gefürchtet zu werden, lässt sich gut mit dem Selbst- und Fremdbild des Fußballfans vereinbaren, also genau jenes Wesens, auf das das Bürgertum seit jeher unverständnisvoll herabblickt. Für die Medien bringen Randale Quote und Auflage. Reist Dynamo nach Dortmund, Karlsruhe oder Berlin, scheint der Exzess schon vorprogrammiert – und wird durch die mediale Debatte befeuert. Insofern erscheinen Fußballrandale mitunter auch als selbsterfüllende Prophezeiungen.

Verbände sind auf Konfrontation aus

Randalierende Hooligans, die spezifische Lebenswelt der Ultras und die Diskussion um Pyrotechnik im Stadion sind drei Problemfelder, die nicht miteinander vermengt werden sollten. Dass diese Phänomene in Dortmund nun bei der Dynamo-Fanszene konzentriert auftraten, nehmen die Medien dankbar an. Aber gerade dabei bedarf es der Differenzierung. Es ist kein Zufall, dass die Ultras in den deutschen Stadien seit kurzem wieder verstärkt zündeln. Sie fühlen sich vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) und der Deutschen Fußball Liga (DFL) hintergangen. So umstritten und potenziell gefährlich Pyrotechnik auch sein mag, so berechtigt ist zugleich das Interesse der Fans, auf diesen Bestandteil ihrer Kultur nicht verzichten zu wollen. Warum sollte es keinen Weg geben, Pyrotechnik verantwortungsbewusst einzusetzen? DFB und DFL verspielen mit ihrem unmissverständlichen Nein die Chance, einen Schritt auf die Fans zuzugehen. Statt Spannungen abzubauen, werden so nur die bestehenden Feindbilder gefestigt. Dieses Vorgehen ist politisch unklug – und bewirkt in den Stadien offenkundig eine Trotzreaktion.

Unterdessen führen die Medien ihre zynische Debatte fort: Während Bilder aus dem Ausland mit dem kitschigen Klischee von der „südländischen Atmosphäre“ belegt werden, werden deutsche Ultras kriminalisiert. Und das hindert die Deutschen keinesfalls daran, alljährlich zu Silvester, ob im heimischen Garten oder auf dem Staatsakt, auf kollektive Knalleffekte zu setzen – mit Pyrotechnik, versteht sich.

Fußballfans haben keine Lobby

Die Ultras haben den Dialog mit den Verbänden gesucht. Dort wurden sie aber nicht Ernst genommen, so scheint es. Ohnehin haben Fußballfans keine Lobby bei Medien und Öffentlichkeit. Wer etwas über Ultras erfahren möchte, fragt eben nicht das Fanprojekt, Fanvertreter oder Wissenschaftler, sondern die Polizei. An ihrer fehlenden medialen Präsenz haben die Ultras auch selbst einen gewissen Anteil. Die Skepsis gegenüber Journalisten ist prinzipiell groß, der Weg zu einer Zusammenarbeit steinig. Dabei gibt es eben auch Sportjournalisten, die beweisen, dass eine andere Berichterstattung möglich ist.

Fußballfans sollten ein Interesse daran haben, ihre Außenwirkung zu verbessern und mit Medien zu kooperieren. Dazu bedarf es einer aktiven Öffentlichkeitsarbeit. Und dazu gehört auch, sich klar von Fans abzugrenzen, die den eigenen Interessen – etwa mit dem Zünden von Böllern – entgegenwirken. Die vereinsübergreifend Faninitiative „Pyrotechnik legalisieren – Emotionen respektieren“ oder die regelmäßigen Stellungnahmen der BSG Chemie zu unverhältnismäßigen Polizeieinsätzen (1, 2) sind der richtige Ansatz – aber das kann erst der Anfang sein.










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7 Kommentare bisher
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  1. Gravatar of NORTHEND
    Kommentar von
    27.10.2011 um 15:55
    1

    Erst einmal ein feines Lob, dass Du Dich dieses Themas so konkret angenommen hast! Mir fehlt dazu derzeit etwas die Geduld und ich würde mich im „Da“ und „Dort“ nur verzetteln.

    Manchmal möchte ich es regelrecht herausschreien: „Ja wohin denn nun mit diesen ganzen ungezogenen Jugendlichen“? Alles muss raus? Dann bitte konkret werden. Wohin?
    Und Pyrotechnik: ja ich weiß wie das Zeug brennt und qualmt – komme ja selbst aus der schwarz-gelben Kurve. Normalerweise brauche ich das persönlich nicht zwingend – höre mir aber immer wieder gern mal an wie andere darüber denken. Und suche daraus für mich einen lösbaren Weg. Weil eben nur Wege zu begehen sind.

    Fußballvereine ziehen seit jeher die „harten Jungs“ an und nicht umsonst waren in den Achtzigern Symboliken wie der Union Jack so beliebt. Wegen der Hooligan-Szene in England. Fast jeder hat doch in einem bestimmten Alter diese rebellische Phase durchgemacht. Erinnert sich denn wirklich keiner mehr daran? Es gab sogar Schlagerhits die darüber berichteten. Jetzt wo wir alte Säcke sind, sehen wir kopfschüttelnd auf die Jungs einer satten, fetten und viel zu lieblosen Einöde mit tausendmal mehr Reizstoff als zu unserer Zeit. Macht sich eigentlich mal jemand die Gedanken, wie schnell es heute möglich ist, wankelmütige Jugendliche für irgendeine Scheiße zu begeistern? Und wie leicht es auch wieder sein könnte diese Burschen zurück zu holen?

    Es wird fleißig abgefertigt. Die „Dynamos“ wieder, die „Lokisten“ wieder. Da schwingt doch auch immer dieses arrogante Mitleid mit. Von oben nach unten. Dabei sind wir letztlich alle keine besseren Menschen und versagen tagtäglich in unserem Alltag an den kleinsten Herausforderungen.

    Wir brauchen den Dialog, Kontakte, Menschen unter Menschen. Unter wir benötigen Kompromisse, ein Aufeinander zugehen und zumindest den Versuch, verstehen zu wollen.

    Gegenseitig abdrängen birgt nur die Gefahr eines luftleeren Raums in dem niemand mehr zum Atmen kommt.

    Die Medien haben mit ihrer Erreichbarkeit eine Menge in der Hand und müssen sich in Zukunft wieder ihrer Verantwortung bewusst werden. Sonst ist man nicht nur auf einem Auge doof, sondern auf beiden Augen blind.

    Gruß! 


  1. Gravatar of Bruno Plache
    Kommentar von
    Bruno Plache
    27.10.2011 um 15:59
    2

    Auch wenn ich deinen selbstverherrlichenden Schreibstil, der ironischerweise die Qualität deiner sonstigen Kommentare ein wenig schmälert, ehrlich gesagt als ein wenig arrogant & allwissend empfinde, so muss ich dir diesmal doch ein großes Kompliment machen. Es passt einfach – toll differenziert, hinterfragt & plausibel erörtert. Du wirst es noch weit bringen…leider :)


  1. Gravatar of dröhn
    Kommentar von
    dröhn
    27.10.2011 um 17:33
    3

    Zu Sylvester zuhause im Garten mit 5 anderen Leuten zündeln (ist übrigens schon gefährlich genug wie man in der Statistik jedes Jahr sehen kann) scheint mir da noch einen Hauch ungefährlicher zu sein als mit mehreren 1000 anderen Vollhonks eingesperrt in einen Block wo jederzeit Panik ausbrechen kann. Die „Granaten“ waren ja sogar so „schlau“ ihre eigene Fahne anzuzünden :D

    Und denen soll dann vertrauensvoll und offiziell Pyrotechnik anvertraut werden?

    Sieht man doch Spieltag für Spieltag dass die damit nicht umgehen können.


  1. Gravatar of J.Meurer
    Kommentar von
    J.Meurer
    27.10.2011 um 17:51
    4

    Sehr gut @Basti! Eine Reflexion der Ereignisse und der Situation rund um den Fußball, der nur noch den Querverweis zur Problematik Fanprojekte in Leipzig vermissen lässt. Klasse Artikel!


  1. Gravatar of Alex
    Kommentar von
    Alex
    29.10.2011 um 13:43
    5

    Ein paar Texte von Untoten zum Thema:
    http://publikative.org/2011/10.....llrandale/
    http://www.woz.ch/artikel/2011.....21297.html
     
     


  1. Gravatar of Immer Ärger mit Dynamo | Alternative Dresden News
    6

    [...] richtigerweise feststellt, dominiert inzwischen die Perspektive von Polizei und Ordnungspolitik; “wenn Medien randalieren” wird da zum referentiellen Selbstzweck. Eine der wesentlichen Aufgaben von Medien ist es aber eben [...]


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