Braun statt Grün-Weiß: Nazis sind keine Engel
Montag, 5. September 2011, 20:14 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Montag, 5. September 2011, 22:07 Uhr
Abgelegt unter: Abseits des Platzes, Fanszene, Fußball & Politik, Gewalt & Rassismus, Medienschau, Vereinspolitik

Die Fanszene der SG Leipzig-Leutzsch ist rechtsoffen bis offen rechts – das hat das Sachsenpokal-Spiel gegen den Roten Stern Leipzig gezeigt

Das Ergebnis war nur Nebensache. Die Sterne gingen beim selbsternannten Nachfolger des FC Sachsen unter, die SG Leipzig-Leutzsch siegte mit 10:0. Der sportliche Wert: überschaubar. Umso aussagekräftiger war der politische Gehalt der Partie. Im Vorfeld hatten Fans der SGLL auf Flyern mit rechten Parolen keinen Zweifel an ihrer antiantirassistischen Einstellung gelassen – auf den Rängen wurde dieser Eindruck bestätigt. 1280 Zuschauer sollen offiziell in den Alfred-Kunze-Sportpark gekommen sein, darunter 500 Unterstützer des Roten Sterns – und zahlreiche offene oder verkappte Nazis auf der Gegenseite.

Prominenter Neonazi in der Kurve

Die SG Leipzig-Leutzsch hat den FC Sachsen längst rechts überholt. Der überregional bekannte Neonazi Thomas Gerlach steht sinnbildlich für die braune Ideologie, die weite Teile der SGLL-Fanszene durchdrungen hat oder dort zumindest auf wohlwollende Duldung trifft. Gerlach ist ein lautstarker Vertreter des vermeintlich kleinen und gemeinen Fans, eine Stimme von unten. Regelmäßig garniert er in seinem Blog seine unreflektierte Kritik am Fußballengagement von Red Bull in Leipzig mit antisemitischer Hetze – „Rattenball“ heißt das Projekt Bundesliga in Gerlachs Jargon, der keine Unterschiede zur NS-Propaganda erkennen lässt.


Der Neonazi Thomas Gerlach (vorne rechts) steht bei der SG-Leipzig-Leutzsch in der ersten Reihe. Quelle: Facebook (http://www.facebook.com/photo.php?
fbid=164991600248104&set=a.164988230248441.42709.130382467042351), 5. September 2011

„Wenn das der Führer wüsst‘ …“

Natürlich war Gerlach bei dem Spiel gegen den Roten Stern präsent. Aber er ist nur der prominenteste Vertreter, der im SGLL-Umfeld mehr oder weniger offen für rechtes Gedankengut wirbt. Jürgen Kasek, Grünenpolitiker und Rechtsanwalt, sagt gegenüber LVZ Online (der Recherchepreis geht an Matthias Puppe):

Schon als wir am Stadion ankamen, riefen uns Fans der SGLL zu: Teutonisch, barbarisch, wir Leutzscher, wir sind arisch. Das setzte sich auch während des Spiels fort. (…) Zum Teil gab es da unfassbare Beleidigungen, antikommunistische, und pro-deutsche Sprüche aus dem Publikum, während auf der Gegengeraden die ein oder andere deutliche Armbewegung gezeigt wurde und ähnliche Meinungsäußerungen weder zu übersehen noch zu überhören waren. (…) Nach dem Spiel rief mir dann auf dem Parkplatz ein älterer Mann zu, man solle uns alle ausräuchern.

Kaseks Parteifreundin Monika Lazar, selbst für die Frauen des Sterns aktiv, sekundiert an gleicher Stelle:

Das war gestern in mehreren Hinsichten kein schönes Erlebnis. Neben Gesten aus dem Leutzscher Fanblock, wie dem ‚Kühnengruß‘ und rechtsnationalen Kleidungsstücken, sind mir mehrere unangenehme Sprechgesänge in Erinnerung geblieben.

Lazar berichtet von den bekannten Leutzscher Ausfallerscheinungen: „Nur ein Leutzscher ist ein Deutscher“ wurde ebenso angestimmt wie „Wir sind frei, sozial und national“ sowie das sogenannte Füherlied: „Wenn das der Führer wüsst‘, was Chemie Leipzig ist, dann wär‘ er nur in Leutzsch, denn Leutzsch ist deutsch.“

Im Spielbericht des Roten Sterns („In Dölitz wär‘ das nicht passiert“) heißt es ebenso kurz wie treffend:

Das Grün-Weiß des Jahres 2011 hat sich farblich in ein tristes Grau bzw. in ein politisches Braun verändert und ist einfach nur ein Hort von Dumpfbacken, intoleranten Hauptschülern und auch offen agierenden Neo-Nazis. Kurz: Heimat des gesellschaftlichen Bodensatzes! Über weite Strecken des Spiels waren schwulenfeindliche, rassistische und teilweise auch offen rechtsradikale Verlautbarungen zu hören. „Leutzsch-Deutsch“ im Wechselgesang gehörte ebenso zum Repertoire (@SGLL, Fremdwort für: Programm) wie das „Führer-Lied“ oder ein mehrfaches „Heil“ auf die verbale Ultra-Forderung „Sieg!“.

„Völkische Festspiele zu Leipzig-Leutzsch“

Auf intergalactic-jesters.de schreibt „lohsi“ von „völkischen Festspielen zu Leipzig-Leutzsch“:

Nicht verschwiegen werden darf leider das Drumherum. Denn das Pokalspiel entwickelte sich immer mehr zu völkischen Festspielen, der Kunze-Sportpark zur national befreiten Zone. Hatten Leutzscher Fans anfangs noch ein Plakat enthüllt (sinngemäß „ob jung oder alt, ob dick oder dünn, ob schwarz oder weiß, willkommen“, präsentierten die aktiven Fans schließlich die Spruchbänder „Fußball bleibt Fußball“ und „Politik bleibt Politik“. Und während sie rund 15 Minuten lang echten Support boten, drehte die Stimmung immer mehr. Motto des Tages wurde „Nur ein Leutzscher ist ein Deutscher“. Was einst als Provokation des SED-Regimes galt, ist heute nur noch plumper Nationalismus.

Plötzlich wurde es auch bei einem Zehn-Mann-Haufen auf der Stehtribüne („Nur ein Leutzscher ist ein Deutscher“) und auf dem Dammsitz (drei Mal dürft ihr raten…) laut. Diejenigen, die zuvor noch ihren Verein unterstützten, brüllten natürlich mit und nix anderes mehr. (…)

Ein Blick auf das Publikum offenbarte jedenfalls, dass hier die wenigsten Grün oder Links wählen. Thor Steinar, Handbewegung gen tief stehende Sonne… Leider kann man nicht mal sagen, dass nur die Gäste dieses Publikum angezogen hätten. Denn man kannte sich, grüßte sich. So mancher stramme Nazi hielt regelrecht Hof. Auch die scheinbar „normalen“ Fans störten sich daran nicht, echauffierten sich lieber über die linken Chaoten „da drüben“. Meine Nachfragen, ob die Nazis „hier unten“ besser seien, blieben dann aber doch unbeantwortet.

Der Schiedsrichter wollte von den Nazi-Parolen nichts wissen

Bei LVZ Online kommt auch ein Spieler des Roten Sterns zu Wort:

Als wir in der zweiten Hälfte vor dem SGLL-Fanblock spielen mussten, wurden wir mit ‚Roter Stern, Juden, Juden, Juden‘ belegt (Dazu sollen chronik.LE Audiomitschnitte vorliegen, bp). Und das nicht nur einmal. (…) Ich habe den Schiedsrichter dann drauf hingewiesen, dass er bitte dem Stadionsprecher Bescheid geben soll, um dies zu unterbinden. Doch der wollte davon nichts wissen.

Andere RSL-Spieler monierten nach LVZ-Online-Recherche homophobe Beleidigungen wie „schwule Sau“ oder „Schwuchtel“. Der oben zitierte Spieler war enttäuscht von dem Unparteiischen:

Er sagte nur, er schreibt es sich auf und wird die Sprüche später im Spielberichtsbogen vermerken. Dort steht jetzt aber nichts drin.

Für Jamal Engel ist Politik Privatsache

Mit diesen Berichten konfrontiert, erwidert SGLL-Vorstand Jamal Engel gegenüber LVZ Online:

Ich befasse mich nicht mit Politik. Im Spielberichtsbogen steht nichts dergleichen drin, also muss ich mich auch nicht damit befassen. (…) Bei uns stehen Linke, Rechte und Menschen aus der Mitte zusammen im Block. Nur Extreme bleiben draußen. (…) Mich interessiert nicht, welche Gesinnung jemand hat. Schließlich gibt man bei Wahlen seine Stimme ja auch geheim in einer Wahlkabine ab. (…) Der Rote Stern ist einfach nur ein schlechter Verlierer. Die wollten nach dem 7:0 aufhören und haben deshalb den Schiedsrichter angesprochen. Wenn sie sportlich ihr Ziel nicht erreichen, dann wohl eben auf diese Art. Das ist eine absolute Frechheit. (…) Die missbrauchen den Fußball, um Politik zu machen. Ich wurde als Nazi beschimpft, unsere Spieler wurden als Nazis beschimpft, unsere Fans, darunter viele Kinder, wurden auch als Nazis beschimpft

Beschimpft? Oder nicht doch auf der Grundlage empirischer Beobachtungen beurteilt? Vielleicht sollte Jamal Engel noch einmal in sich gehen und die Ereignisse des vergangenen Wochenendes reflektieren. Unter dem Deckmantel vermeintlicher Toleranz erliegt der SGLL-Vorstand nicht nur einem verqueren Politikverständnis, sondern wäscht ganz nebenbei auch Nazi-Ideologeme rein: als vermeintlich legitime Strömungen in der Gesellschaft, die es zu tolerieren gilt. Wer so argumentiert, ist nicht weit davon entfernt, einer Gesellschaft der in Ansätzen Freien und Gleichen verbal den Boden unter den Füßen wegzuziehen.

Die SG Leipzig-Leutzsch hat ein Problem mit Nazis – und mit Engel

Jamal Engel kann man aus verschiedenen Gründen einen Vorwurf machen. In der harmlosen Variante erscheint Engel als naiver Vereinsfunktionär, der nicht weiß, was in der eigenen Kurve abgeht. Wer hingegen nicht glauben mag, dass Engel auf den Kopf gefallen ist, kommt zu dem Schluss, dass der SGLL-Macher mit Nazis und Menschen, die deren Ideologie ganz oder in Teilen nahe stehen, kein Problem hat. Das wäre allerdings tatsächlich ein Problem – nämlich für die SGLL.




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55 Kommentare bisher
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  1. Gravatar of Only a Leutzscher is a German? « URS – Ultras Roter Stern
    1

    [...] Roten Stern Leipzig und die Reaktionen von engagierten Fans, Medien und Politik nichts geändert. Die SG Leipzig-Leutzsch hat ein Nazi-Problem, das die Vereinsführung nicht für ein solches hält. Nach dem Skandalspiel gegen den Roten Stern [...]


  1. Gravatar of Inch
    Kommentar von
    27.09.2011 um 8:27
    2

    Ich habe sowieso nie verstanden, wieso die Fans des Leutzscher Vereins, egal wie er grad hieß, plötzlich als links galten. Da haben sich ein paar Rote Strene- Supporter wohl was schön geredet, weil man/frau ja irgendwie was rechtfertigen musste. Ich gehe hier in L.E. seit 1974 zum Fußball, also als Zuschauer. Und die ersten Fans, die mir ihren Rassismus offen und textlich untermauert darstellten, waren die Chemiefans mit ihrem, auch gern auf Jacken und Fahnen gekritzelten Spruch: Nur ein Leutzscher ist ein Deutscher.
    Deswegen hat mich ihr angebliches Linkssein Jahrzehnte später verwirrt. Um so mehr, als ich bei einem Spiel des Roten Stern mal einen „befreundeten“ Chemi-Fan“ (oder hießen die damals gerade FC Sachsen?) erleben durfte und mich wunderte, dass er so ungehindert seine Hasstiraden in Richtung Gegengerade schreien durfte.
    Einen Typen wie T. Gerlach dort zu finden, wundert mich daher  nicht.


  1. Gravatar of Jenenser
    Kommentar von
    Jenenser
    18.10.2011 um 19:50
    3

    …lokale „Nazigrößen“, „Thor Steinar Träger“,“U-Bahn-Lieder“usw. sind einfach nicht mehr existent bei uns und so ist die SGLL wohl nicht ohne Grund in der rechten Ecke zu finden!! Und „Links“ mit „Rechts“ gleichzusetzen bedarf wohl keines Kommentares!!
    Fußball ist auf seine Art u. Weise schon immer ein „polit. Ventil“ und wenn es DDR-Zeiten bei Freistößen „Die Mauer muß weg“ Gesänge waren!!
    Gegen Rassismus zu sein sollte nun mal auch ne Grundeinstellung für jeden sein und ist demzufolge auch keine Politik….bin ich nun nen Linker ihr s/w-Denker?
    Armes „Fußball-Leipzig“,,,…schauen uns das jetzt mal selber an am 26.11. , aber werden beim Roten Stern stehen 😉
    P.S.:Hoffe, ich steh nicht hinter irgendwelchen Staatsflaggen.
    …..NAZIS RAUS!!  …NUR DER FCC……………….


  1. Gravatar of Mein bester Freund, das ist nicht irgendwer « Brandis
    4

    [...] (TatortBrandis: Die Regierung antwortet auf Pokalspiel), zu Spielen der SG LL geht.  [Foto: Gerlach bei einem SG LL Spiel via [...]


  1. Gravatar of Blogs aus Sachsen im Wikio-Ranking September 2011
    5

    [...] 29. Umgebungsgedanken (Dresden/2913) 30. Dresden Blog (Dresden (2955) 31. Rappelsnut (Pirna/2994) 32. chemieblogger.de (Leipzig/3300) 33. Social Web Blog (Altenberg/3686) 34. Printblogger.de (Dresden/4151) 35. Sachse`s [...]




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