Neonazis im Fußball: Alte Probleme, neue Strategien
Dienstag, 27. Oktober 2009, 17:10 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Dienstag, 27. Oktober 2009, 23:54 Uhr
Abgelegt unter: BSG Chemie Leipzig, Fanszene, Fußball & Politik, Gewalt & Rassismus, Medienschau, Vereinspolitik

Rechtsextreme Gewalt und Instrumentalisierung im (Leipziger) Fußball: Der mediale Aufschrei ist groß, die Gewaltbereitschaft nimmt zu, die Grünen fordern ein Umdenken im Bereich der Fansozialarbeit

Auch drei Tage nach den brutalen und militanten Übergriffen von 50 Neonazis auf Fans und Spieler des Roten Stern Leipzig reißt die bundesweite Medienberichterstattung nicht ab. Stündlich tauchen neue Beweisbilder und -videos – vor allem im Internet (unbedingt mal bei indymedia und YouTube vorbeischauen) – auf. Der Ereignisse vom Wochenende in Brandis schockieren die Öffentlichkeit – und das ist auch gut so. Politik und Gesellschaft werden mit vielschichtigen Problemen konfrontiert, die schlichtweg nicht mehr wegzudiskutieren sind: Rechtsextremismus in Deutschland im Allgemeinen und in Sachsen im Besonderen, die neonazistische Instrumentalisierung des (vor allem unterklassigen) Fußballs für Propagandazwecke und Mitgliederrekrutierung, die größtenteils überforderte und wegsehende Polizei, verfehlte Jugendsozialarbeit und die Frage nach Finanzierung, Ausstattung und inhaltlicher Ausrichtung von Fanprojekten.

Leipzig gilt (und sinnbildlich dafür die Stadtteile Connewitz, der Heimat des Roten Stern, und Südvorstadt) trotz sachsenweit größtem NPD-Kreisverband für Neonazis als alternative Hochburg. Am 17. Oktober verhinderten bei der Aktion „Leipzig nimmt Platz“ über 1000 Demonstrant_innen die bundesweit beworbene Demonstration „Recht auf Zukunft“ der zahlenmäßig ebenbürtigen Rechtsextremen. Den Zusammenhang zum Überfall auf den Roten Stern stellte die Leipziger Internetzeitung bereits am Samstag her:

Exakt eine Woche ist es nun her, da hielten die Nationalen Sozialisten und die JN in der Leipziger Eisenbahnstraße eine Standdemonstration ab. Nachdem man unverrichteter Dinge wieder von dannen ziehen mußte, brodelt es in rechtsnationalen Foren, aller Orten wurde Vergeltung verlangt und die Stadt Leipzig als rote Zentrale verschrien. Heute nun wollten sich die Leipziger Fußballer des Sportclubs Roter Stern Leipzig mit Brandiser Sportsfreunden am Fußball messen. […]

Diese Attacke mit Ansage deckt sich ziemlich passgenau mit Stimmen unter anderem in Foren wie Altermedia, nun statt angemeldeter Demonstrationen verstärkt auf gezielte Aktionen zu setzen, Gewalt inbegriffen. [Hervorhebung d. Verf.]

Der Rote Stern Leipzig ist analog zur BSG Chemie Leipzig das Feindbild schlechthin für rechte Schläger. Der Einsatz gegen Rassismus und Diskriminerung wird im Fußballumfeld häufig als ins Stadion getragene Politik abgelehnt. Immer noch werden Fans, die diese für unsere Gesellschaftsform selbstverständlichen Grundwerte und -ziele verfolgen, als „linksextrem“ diffamiert und in Fankurven marginalisiert. Mit fatalen Folgen.

Es scheint so zu sein, dass der RSL, als genuin antirassistischer Fussballklub, Projektionsfläche für eine Vielzahl von gewaltbereiten Chaoten geworden ist, in einem Teil von Sachsen, indem die Rechten längst Hegemonialmacht sind,

schreibt Jürgen Kasek (Bündnis ’90 / Die Grünen) in einem Blogbeitrag für den Leipziger Kreisverband der Partei, und übt Kritik an den politisch Verantwortlichen:

Die in der Diskussion immer wieder benannten Angstzonen sind die Realität und Kennzeichnen das Versagen einer Landesregierung, die sich des Problems nach wie vor nur zögerlich annimmt.

Die Grünen befürworten seit Jahren Fanprojekte für Fußballfans, rufen aber neben der Politik auch die Justiz, Verbände, Vereine und letztendlich die Gesellschaft in die Verantwortung. Kasek:

Zunächst einmal gilt es, die Geschehnisse auszuwerten, die Versäumnisse klar zu benennen und die Täter zu stellen.

Dabei sollten auch der Sächsische Fussballverband und der DFB miteinbezogen werden. Das Problem der mangelnden Fansozialarbeit muss erneut beleuchtet werden, auch in Leipzig. Von der Polizei ist eine kritische Aufarbeitung und eine zukünftiges Sicherheitskonzept zu erwarten. Die Justiz ist gefordert, die Täter schnell und konsequent zu bestrafen.

Vor allem muss das Hauptaugenmerk auf den Bereich der Prävention gelegt werden. Die Mittel zur Stärkung der Zivilgesellschaft müssen erhöht, die Fansozialarbeit muss intensiviert, die Sensibilisierung von Vereinen muss vorangetrieben werden. Dabei ist es zwingend notwendig in eine breite Debatte über die Ursachen dieser Entwicklung einzusteigen.

Es ist Zeit für ein Umdenken, das haben die Ereignisse nicht nur des Wochenendes, sondern auch die zahlreichen Übergriffe auf Fans der BSG Chemie Leipzig in den letzten Monaten gezeigt. Vielleicht ist der mediale Aufschrei dieser Tage imstande, eben jenes zu erreichen.










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1 Kommentar bisher
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  1. Gravatar of ForzaOsna
    Kommentar von
    ForzaOsna
    16.05.2010 um 12:17
    1

    Dein Blog gefällt mir immer besser, mach weiter so.




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