Redebeitrag der ag.doc zum 1. Mai 2009
Freitag, 1. Mai 2009, 16:04 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Freitag, 27. November 2009, 13:58 Uhr
Abgelegt unter: BSG Chemie Leipzig, Fanszene, FC Sachsen Leipzig, Fußball & Politik, Gewalt & Rassismus, Vereinspolitik

Anlässlich der Demonstration „It works! …wie lange noch? Rassismus und Diskriminierung“ zum 1. Mai 2009 hat die ag.doc einen im Folgenden dokumentierten Redebeitrag geleistet, der die Zusammenhänge und personelle Schnittmengen zwischen der Leipziger Neonazi- und Fußballfanszene aufzeigt:

Leipzig, Jahnallee, 3. Januar 2009. Etwa 50 Vermummte attackieren eine Gruppe von Fans der BSG Chemie Leipzig. Die Angreifer gehen äußerst brutal vor, es gibt keine Zufälle. Einzelne Personen werden gezielt gejagt. Ein Chemie-Fan muss mit Verdacht auf Schädelbasisbruch ins Krankenhaus eingeliefert werden. Die Täter tragen Totenkopfsturmhauben und schreien „Töten, töten“ und „Ihr Drecksjuden“. Es geht längst nicht mehr um Fußball. Der Angriff ist unübersehbar politisch motiviert.

Der Vorfall vom 3. Januar stellt zwar einen Höhepunkt an Brutalität, aber bei weitem keinen Einzelfall dar. Neonazis versuchen den Kampf um die Vorherrschaft im Fußballstadion zu gewinnen. Fußball ist populär, gilt in der Gesellschaft auch heute noch als eine Domäne der Männlichkeit und des Kampfes. Die bedingungslose Feindschaft gilt dem Gegner – nicht etwa sportlich, sondern politisch. Engagierte Fußballfans, die sich gegen Rassismus und Diskriminierung und für nazifreie Kurven einsetzen, sind zum eindeutigen Feindbild geworden.

Der Leipziger Fußball wird in einem gefährlichen Maß seitens neonazistischer Kameraden infiltriert und instrumentalisiert. Die Grenzen zwischen Teilen der Fanszene des 1. FC Lok Leipzig, der NPD, den Jungen Nationaldemokraten und „Freien Kräften Leipzig“ verlaufen fließend. Ein JN-Kamerad ist Mitglied der Lok-Fangruppierung „Blue Caps“. Die Leipziger JN weist personelle Schnittmengen mit den Freien Kräften auf.

Das im Jahr 2008 eröffnete NPD-Büro in der Odermannstraße ist zum zentralen Treffpunkt von Neonazis und Fußballanhängern geworden. Die Lok-Fangruppierung „Blue Caps“ richtet dort Partys aus und geht Ordnerdiensten nach. So feierten diese dort im Dezember 2008 eine Sonnenwendfeier. Im Umfeld der Veranstaltung kam es zu Krawallen und Übergriffen gegenüber Passanten. Im Jahr 2008 fanden in Leipzig sechs Neonaziaufmärsche statt. Die „Blue Caps“ warben wiederholt für Demonstrationen und Veranstaltungen von NPD und JN, so etwa für die Demo mit dem Motto „Volkstod aufhalten“ im Oktober 2008. Im März 2009 meldeten die „Blue Caps“ sogar selbst eine Demonstration unter dem Motto „Todesstrafe für Kinderschänder!“ an. Auslöser hierfür war die Festnahme eines Tatverdächtigen im Mordfall Michelle.

Seit August 2008 ist der tragische Tod der achtjährigen Michelle Gegenstand neonazistischer Agitation. Sowohl Nazi-Organisationen als auch die „Blue Caps“ mobilisierten wiederholt für Demonstrationen anlässlich des Mordfalls. Die Rechten biedern sich so als Familienschützer an. Unter den normalen Bürgern gehen sie mit der Forderung nach „Todesstrafe für Kinderschänder“ auf Stimmenfang – allen voran Istvan Repaczki. Den Mord an seiner Nichte instrumentalisiert Repaczki, der als zentrale Figur der „Freien Kräfte Leipzig“ gilt, ohne Skrupel und Respekt vor der eigenen Familie. Im Juni dieses Jahres wird er als NPD-Kandidat in den Wahlen zum Leipziger Stadtrat antreten. Dass Repaczki als wichtige Figur bei den „Freien Kräften“ und in der NPD mit der Instrumentalisierung des Mordfalls Michelle Stimmen gewinnen wird, gilt als wahrscheinlich. Auf den zahlreichen Demonstrationen marschierten Neonazis und besorgte Bürger im Gleichschritt.

Die „Freien Kräfte“ können sich im sächsischen Raum zunehmend vernetzen und an Einfluss gewinnen. Sie unterstützen Kameraden unter anderem in Borna, Chemnitz und Zwickau. Ihr Einfluss reicht weit in die NPD und JN hinein. In Zukunft wollen sie sich auch in der Leipziger Politik verankern. Neben Repaczki treten 22 weitere Kandidaten für die Leipziger NPD zu den Stadtratswahlen an. Auffallend sind hierbei erneut die personellen Überschneidungen mit der Fußballfanszene.

Zur Wahl stellen sich Andreas Siegel, ehemals bei „Blue Side Lok“ und heute wohl bei „Scenario Lok“ aktiv, Enrico Böhm, der das Fanradio „Lokruf“ initiierte, und Nils Larisch. Neben Steffen Kubald gehörte Larisch 2004 zu den Gründungsmitgliedern des 1. FC Lok Leipzig. Er war zwischenzeitlich Mitarbeiter der NPD-Fraktion im sächsischen Landtag und fuhr mit einem LKW mit der Aufschrift „Rudolf Heß – Mord verjährt nicht“ quer durch Deutschland. Er machte auch in Probstheida Station.

Zwar wurde Larisch wegen vereinsschädigenden Verhaltens aus dem Lok-Vorstand ausgeschlossen und auch die „Blue Caps“ sind inzwischen in Probstheida verboten. Dafür verlagern die fußballaffinen Neonazis aber ihr Tätigkeitsfeld oder benennen sich einfach um. So sind die „Blue Caps“ heute als „Crime Boys“ wieder im Stadion zu finden. Doch sie ziehen sich massiv aus der aktiven Supporterszene zurück und treten stattdessen vermehrt auf neonazistischen Veranstaltungen auf, übernehmen Ordnerdienste oder werden in neonazistischen Parteien und Organisationen aktiv. Die braunen Netzwerke bleiben dem Fußball erhalten. Dadurch wird offenbar, dass Steffen Kubalds fanpolitische Maßnahmen nur die Symptome bekämpfen. Der 1. FC Lok beteiligt sich an der FARE-Aktionswoche der UEFA und kündigte das „Blue-Caps“-Verbot offensiv in den Medien an. Das braune Problem in den Köpfen kann dadurch aber nicht gelöst werden, wie die wiederholten rassistischen und antisemitistischen Entgleisungen beim 1. FC Lok in den letzten Monaten beweisen.

Doch nicht nur in Probstheida, auch in Leutzsch werden Fehler gemacht. Beim FC Sachsen Leipzig wird bis heute mit dem Finger auf den bösen Ortsnachbarn gezeigt. Probleme in der eigenen Fanszene werden dabei ignoriert oder verleugnet. So begrüßte der Vorstand im Sommer 2008 den Weggang der „Diablos“ zur BSG Chemie Leipzig. Auf Grund ihres Einsatzes gegen Rassismus und Diskriminierung hatte der Verein die „Diablos“ als „linksextrem“ bezeichnet. Im Herbst 2008 verweigerte der FC Sachsen der vom DFB für ihr Engagement ausgezeichneten Faninitiative „Bunte Kurve“ die Zusammenarbeit anlässlich der FARE-Aktionswoche. Die Begründung lautete, dass der Verein keine politischen Aktionen dulde. Der FC Sachsen ekelte die „Bunte Kurve“ aus dem Stadion und hob ein Stadionverbot gegen die zum Teil rechtsradikale Fangruppierung „Metastasen“ wieder auf. Sie sind bis heute beim FC Sachsen präsent. Um sie sammeln sich junge, rechtsgerichtete Fans, welche auf der Suche nach etwas Action im Rahmen des Fußballs sind. Ihre Politik im Stadion duldet der Verein. Seit dem Weggang der Diablos sind beim FC Sachsen zunehmend Sprechchöre wie „Nur ein Leutzscher ist ein Deutscher“, sowie das „Führer-“ und das „U-Bahn-Lied“ zu vernehmen. Eine Entwicklung, die bedenklich stimmt.

Nachdem die Vorfälle um den Stadtligisten Roter Stern Leipzig in den letzten Jahren abgenommen haben, wird jetzt scheinbar die BSG Chemie Leipzig zur Projektionsfläche der Politisierung des Leipziger Fußballs. Die Fans in den Reihen der BSG Chemie treten mehrheitlich gegen die braune Agitation im Fußballstadion ein. Das bleibt nicht ohne Folgen, wie der Vorfall vom 3. Januar 2009 in der Jahnallee belegt. Ihre Spiele trägt die BSG Chemie im Leipziger Westen aus. Das ist gleichfalls ein Rückzugsgebiet der „Freien Kräfte Leipzig“. In und um Miltitz und Grünau soll ein neuer neonazistischer Stamm aufgebaut werden. Zum Auswärtsspiel der BSG Chemie beim SV Grün-Weiß Miltitz am 19. April 2009 kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Kadern der „Freien Kräfte Leipzig“ und Fans der BSG Chemie. Die Neonazis nutzten das Gastspiel der BSG, um vor Ort präsent zu sein und gezielt zu provozieren.

Die zahlreichen Zwischenfälle zeigen, dass es für die Fans der BSG Chemie längst um mehr als nur Fußball geht. Es geht um eine konkrete neonazistische Bedrohung und die eigene körperliche Unversehrtheit, die für einen nichtrechten Fußballfan heute alles andere als selbstverständlich ist. Wir können diesen Tatsachen nur gemeinsam entgegentreten und zwar durch das Aufdecken der dunkelbraunen Leipziger Fanstrukturen und das gezielte Herantreten an Politik, Öffentlichkeit, Medien und Initiativen gegen Rechts. Ohne eine breite öffentliche Reflexion und Unterstützung wird auch dieses Problem nicht zu bewältigen sein. Wir können und dürfen es nicht dulden, dass eine ganze Fanszene im Fadenkreuz der lokalen Neonaziszene steht, weil sie sich offensiv und präsent gegen menschenverachtende Ideologien einsetzt. Rassismus und Diskriminierung – ohne uns!










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3 Kommentare bisher
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  1. Gravatar of Berti
    Kommentar von
    Berti
    16.05.2009 um 8:52
    1

    Sie behaupten wieder einmal Dinge,die nicht korrekt sind. Niels Larisch war nie im Vorstand vom 1.FC Lok.


  1. Gravatar of Bastian (Chemieblogger)
    Kommentar von
    16.05.2009 um 10:52
    2

    Der Text bezieht sich bezüglich Larisch nach ag.doc-Angaben auf den Beitrag „Der rechte Rand des 1. FC Lokomotive“ im gamma-Newsletter Nr. 180, S. 3.


  1. Gravatar of Neonazis im Stadion? Wo denn? | chemieblogger.de – Das Blog rund um FC Sachsen & BSG Chemie
    3

    [...] alle Gewaltprobleme beim FCS gelöst. Wie auch immer, wer hier, hier, hier, hier, hier oder hier schon das ein oder andere Mal mitgelesen hat, dem ist allgemein bekannt, dass es beim FC Sachsen [...]




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