Liebe Medien, feiert diesen bunten Verein!
Donnerstag, 19. Juni 2008, 18:31 Uhr;
zuletzt aktualisiert: Montag, 25. August 2008, 22:54 Uhr
Abgelegt unter: BSG Chemie Leipzig, Fanszene, FC Sachsen Leipzig, Fußball & Politik, Gewalt & Rassismus, Medienschau, Transfers, Vereinspolitik

Fans des FC Sachsen rufen die Medien dazu auf, den Verein kritiklos zu unterstützen. Bei MDR info zeigt das bereits Wirkung

Guido Schäfer polarisiert. Er ist ein ebenso scharfzüngiger wie auch wohlwollender Kritiker des Leipziger Fußballs – eine Funktion, in welcher der Mann von der Leipziger Volkszeitung wegen seiner ironischen und polemischen Schreibe im Übrigen häufig missverstanden wird. Einerseits steigt er den Verantwortlichen des FC Sachsen seit Jahren aufs Dach, war eingedenk seiner Kölmel-kritischen Stories zwischenzeitlich kein gern gesehener Gast am Spielfeldrand und auf Pressekonferenzen. Andererseits träumt Guido Schäfer genauso wie Kölmel, Lonzen und die bis vor kurzem noch einstimmige Fanszene von der Champions League. So schrieb er zuletzt in seiner LVZ-Online-Kolumne im Rahmen der EURO 2008:

Wenn Sachsen Leipzig doch noch aufsteigt, werde ich mit Präsi Winni Lonzen derb einen zupfen und mir sofort grün-weiße Bettwäsche zulegen.

Halbprofitum bedeutet freiwilligen Klassenerhaltsverzicht

Die Bettwäsche ist in Anbetracht des Hinspielergebnisses der Relegation vorbestellt, der Fusel liegt schon mal im Tiefkühlfach. Doch eigentlich gibt es Nichts zu feiern. Auch im nächsten Jahr wird der FC Sachsen die Kette jahrelanger vereinspolitischer Fehlentscheidungen, die in diesem Blog wiederholt dargelegt wurden, fortsetzen. Mit der Umstellung auf Halbprofitum sieht Guido Schäfer – und mit ihm jeder, der Fußball von Schach ohne Würfeln unterscheiden kann – die Chancen auf weitere Teilerfolge schwinden. Was in der fünften Liga sinnvoll erscheint, kommt in der vierten Liga einem freiwilligen Klassenerhaltsverzicht gleich, so Guido Schäfer in der LVZ:

[D]ie Umstellung auf Halbprofifußball [ist] für die Sachsen-Chefs in Stein gemeißelt […]. Das Ganze krankt […] an einem fundamentalen Umsetzungsproblem, denn: Die aktuellen Asse hauen ab, ambitionierte Neue winken ab.

Das Abgrasen des heimischen Mini-Marktes kann und darf nicht Alleinheilmittel sein. Das Hoffen auf den Vielleicht-Klassenerhalt in der nächst höheren Liga kann und darf nicht Anspruch des Leipziger Fußballs sein. Wenn doch, sollte man sich im Aufstiegsfall ernsthaft überlegen, die Regionalliga-Lizenz in einen Umschlag zu stecken und ausreichend frankiert zum DFB nach Frankfurt/Main zu schicken. Es gibt Klubs, Städte und Entscheidungsträger, die mit kostbarem und fragilem Gut liebevoller umgehen.

Leistungsträger verlassen den Verein

Nun steht der Verein vor einem sportlichen Scherbenhaufen – trotz Aufstieg! Laut Bild verlassen Tino Semmer (vereinsinterner Torschützenkönig), Jens Möckel (Abwehrboss), Karsten Oswald (Motor der Mannschaft), Catalin Racanel (kreativer Kopf der Mannschaft) und Marcel Rozgonyi (wandelte sich vom Unruhestifter zum Fels in der Brandung) den Verein. Sie alle waren entweder Leistungsträger oder zentrale Fixpunkte einer jungen Mannschaft. Die Kontinuität einer peinlichen Vereinspolitik gibt den dem FC Sachsen abtrünnigen Sympathisanten der BSG Chemie einmal mehr Recht. Wer kann jetzt noch argumentieren, es gäbe ein langfristiges Konzept, es säßen Fußballfachleute an den Hebeln?

Zunehmende Abhängigkeit von Kölmel

Im Gegenteil, die Abhängigkeit des Vereins von der „Kölmel-Gruppe“ nimmt monatlich zu, ohne dass sich sportliche Erfolge einstellen. Und genau das sehen viele Fans des FC Sachsen nicht. Anders ist der heutige LVZ-Artikel nicht zu erklären, in dem Guido Schäfer den nach Stuttgart emigrierten „Ur-Chemiker“ Peter Locke zu Wort kommen lässt:

Im Ländle werde immer zuvorderst nach positiven Aspekten gesucht, das sei der einzig wahre Weg ins Patrioten-Glück. „Und um das Halbprofitum in Leutzsch abzuwenden, benötigt es Sponsoren und nicht nur den unglücklich, weil nur mit Jahreshorizont agierenden Herrn Kölmel. Sponsoren kann man aber nur mit Euphorie und großen Festen, sowie schlüssigen Konzepten anlocken.“ Und dafür „braucht mein FC Sachsen auch die Unterstützung der Medien“. 20 000 Zuschauer seien am Sonnabend (13 Uhr, Zentralstadion) „machbar“, sagt Herr Locke. „Aber nicht, wenn nur Zweifel bezüglich der Zukunft des Vereins geschürt werden.“

Vereinspolitik als „black box“

Medien als Euphorie-Stifter, als Sponsoren-Beschaffer, als PR-Organ einer stets aufs Neue versagenden Vereinsführung: Lockes Meinung scheint stellvertretend für den gesamten FC Sachsen zu stehen. Bloß nicht reinreden, jegliche Kritik verbietet sich von selbst, stattdessen soll Missmanagement und Führungsversagen unter den Teppich gekehrt werden. Vereinspolitik als „black box“, so könnte dieses Modell beschrieben werden. Mal sehen, wie weit der Verein damit kommt.

Fakt ist: Demnächst könnte der FC Sachsen es damit einfacher haben, immerhin sind zahlreiche Kritiker zur BSG Chemie abgewandert, die vereinsinterne Opposition wird zusehends verstummen. Fankulturelle Veränderungen hat übrigens auch Gert Zimmermann im Namen des Qualitätsmediums MDR info – anlässlich des Sieges in Greifswald – ausgemacht (Danke an Bert für diesen Hinweis!):

Der FC Sachsen, der hat etwas geschafft in den letzten Wochen, woran wirklich keiner glauben konnte. Mit der Verpflichtung vom technischen Direktor, von Michael Breitkopf als Trainer und von seinem Co-Trainer Jamal Engel ist bei der Mannschaft ein neuer Geist eingezogen. Die Ultràs haben sich inzwischen vom Verein verabschiedet, auch hier in Greifswald gab es keinerlei Auswüchse der Fans vom FC Sachsen. Es scheint sich eine neue Fankultur auch in Leutzsch breit zu machen. Und wenn am kommenden Sonnabend im Zentralstadion über 10 000 den Aufstieg des FC Sachsen feiern werden, vielleicht gibts dann auch eine neue Zukunft für das bisher leer stehende Zentralstadion.

MDR info stigmatisiert Ultràs / Offener Rassismus

So weit hat es Winfried Lonzen mit seiner Anti-Diablos-Propaganda – vor dem Spiel gegen Jena II wurden Gerüchte lanciert, die Ultràs würden das Spiel sabottieren wollen – also gebracht. Gert Zimmermann macht die Diablos für alle bisherigen Ausschreitungen verantwortlich. Eine skandalöse Stigmatisierung und Verdrehung der Tatsachen!

Natürlich blieb es gerade wegen des Fernbleibens der Diablos auch in Greifswald nicht ruhig. Das Führer-Lied wurde gesungen, der fragile Bauzaun zum Einsturz gebracht. Der Gipfel menschenverachtender Geschmacklosigkeit: Ein Fan hatte eine dunkelhäutige, mit Lok-Fanutensilien beflaggte Gummipuppe mitgebracht (siehe nebenstehendes, vergrößerbares Foto). Zweifelsohne, die Verknüpfung von Rassismus und Sexismus mit der Diffamierung des Lokalrivalens impliziert ja geradezu eine intellektuelle Leistung. Ein wahrlicher Verdienst der neu herausgebildeten Fankultur!










«
»




5 Kommentare bisher
Hinterlasse deinen Kommentar!

  1. Gravatar of Alex
    Kommentar von
    Alex
    20.06.2008 um 19:13
    1

    Das Zitat bei MDR info ist ja mal wirklich interessant. Von so einem Sender erwarte ich ein wenig mehr als die übliche schwarz-weiß-Malerei. Ansonsten solltest du dir die Zweit-Domäne „medienkritiker.de“ sichern ;-).


  1. Gravatar of Bastian (Chemieblogger)
    Kommentar von
    20.06.2008 um 19:28
    2

    Ich muss lachen xD

    Einfach unklar, wie man so unsauber recherchieren kann. Mehr kann man dazu nicht sagen…


  1. Gravatar of sitzender Drache
    Kommentar von
    22.06.2008 um 10:13
    3

    Vereinspolitik als „black box“

    Medien als Euphorie-Stifter, als Sponsoren-Beschaffer, als PR-Organ einer stets aufs Neue versagenden Vereinsführung: Lockes Meinung scheint stellvertretend für den gesamten FC Sachsen zu stehen. Bloß nicht reinreden, jegliche Kritik verbietet sich von selbst, stattdessen soll Missmanagement und Führungsversagen unter den Teppich gekehrt werden. Vereinspolitik als „black box“, so könnte dieses Modell beschrieben werden. Mal sehen, wie weit der Verein damit kommt.

    Fakt ist: Demnächst könnte der FC Sachsen es damit einfacher haben, immerhin sind zahlreiche Kritiker zur BSG Chemie abgewandert, die vereinsinterne Opposition wird zusehends verstummen.

    Was mit dem FCS passiert ist ein Beispiel dafür, wie man auch ohne 51%-Anteil einen Verein derart in der Hand hält, so dass jede demokratische Mitgestaltung von vornherein auf Grund von Sachzwängen ausscheidet.

    Die Medien sollen dann freilich ihren Teil zur Propaganda leisten.

    Freilich: Man kann sich in jedem Verein fragen, ob die relevanten Entscheidungen wirklich von der Basis kommen oder nicht letztlich doch nur abgesegnet wird, was in der Exekutive vorausgeplant wurde.

    Wenn es aber faktisch nicht einmal mehr die Möglichkeit zum Veto gibt, ist der Verein als solches schon längst tot. Eine Hülle für die, die ihn nach ihrem Gusto gestalten.

    Wer auch nur den Hauch von Würde hat, kann das dauerhaft nicht hinnehmen. Insofern ist der Schritt zur Wiederbelebung der BSG Chemie Leipzig nur folgerichtig.

    Man darf angesichts der „Erfolgswelle“ des FCS aber skeptisch sein, ob sich das Modell BSG durchsetzen kann und wird.

    Jedenfalls bleibt aber im Interesse ALLER am Leipziger Fußball Interessierten zu hoffen, dass sie nicht zu einer Art „RSL 2.0″ wird. Denn eine (weitere) Politisierung des Fußball braucht nun wirklich kein Mensch. Zumal auch bezweifelt werden darf, das die Mittel, derer sich die Antifaschisten bedienen, wirklich dem proklamierten Zweck dienlich sind. Oder ob man damit nicht letztlich gewisse Tendenzen sogar verstärkt. Nein, damit soll nichts verharmlost oder mit dem Finger auf andere gezeigt werden. Aber gezieltes Provozieren kann im emotional aufgeheizten Biotop Fußball eben leicht die (nicht?!?) erwünschten Wirkungen zeitigen. Hier sollte sich jeder Fragen, welche Konsequenzen seine Handlungen haben können. Insofern wäre vielleicht etwas mehr allseitige Gelassenheit förderlicher.

    Zum „Gipfel der menschenverachtenden Geschmacklosigkeit“ der dunkelhäutigen, mit Lok-Fanutensilien beflaggten Gummipuppe:

    Niveauvoll ist das sicherlich nicht. Aber es darf bezweifelt werden, dass deswegen nun empörte Betroffenheit angezeigt ist. Es ist letztlich alles ein Ausfluss der vorherrschenden Kultur.
    In diesem Zusammenhang verweise ich immer gern auf einen meiner Lieblingstexte:
    http://hinsetzen.blogspot.com/.....dhist.html

    Diejenigen, die auf Reinheit und Rechtschaffenheit hoffen, versuchen immer zu zerstören, was sie stört. Aber sie suchen an der falschen Stelle. Sie glauben, die Störung käme von außerhalb ihrer selbst. … Immer wenn ich mir die Dinge die mich am meisten störten genau ansah, fand ich sie niemals außerhalb. Sie waren immer genau hier. Und da werden sie auch immer zu finden sein.

    Blau-Gelbe Grüße von einem buddhistischen Clubschwein


  1. Gravatar of chemieblogger.de – Das Blog rund um FC Sachsen & BSG Chemie
    4

    [...] keine Probleme mehr mit Gewalt oder Rassismus. Der aufgeklärte Beobachter weiß, dass es in Wirklichkeit anders ist. Wie es in einem Verein zugeht, der „gänzlich unpolitisch“ ist, steht im FCS Forum. Weiter [...]


  1. Gravatar of Neonazis im Stadion? Wo denn? | chemieblogger.de – Das Blog rund um FC Sachsen & BSG Chemie
    5

    [...] alle Gewaltprobleme beim FCS gelöst. Wie auch immer, wer hier, hier, hier, hier, hier oder hier schon das ein oder andere Mal mitgelesen hat, dem ist allgemein bekannt, dass es beim FC Sachsen [...]




Einen Kommentar hinterlassen